Der Wald in der Romantik

Wie tiefgreifend eine Beziehung ist, erkennen wir oft erst, wenn sie vorbei ist oder zumindest zu verschwinden droht. Dann beginnt sich die Angst auszubreiten. Wie Mitte der 1980er Jahre, als die Nachrichten plötzlich voller Geschichten über sauren Regen und seine schrecklichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Bäumen waren. Dies gipfelte 1984 im ersten Waldschadensgutachten, das wie eine Schockwelle durch die Nation hallte. Die Vorstellung, dass Deutschland bald seine Wälder verlieren könnte, klang zumindest nach Weltuntergang. Und während „le Waldsterben“, das benachbarte Frankreich das deutsche Wort mit einem Hauch subtiler Ironie übernahm, weite Teile Europas betraf, galt es vor allem in der Bundesrepublik Deutschland als Weltuntergangsszenario.

Wann und warum also haben die Deutschen eine solche Verbundenheit mit dem Wald entwickelt, eine Liebe, die in den schönsten Liedern gefeiert wird? Auch andere europäische Länder haben Wälder. Sie geht vermutlich auf die aus germanischer Sicht siegreiche und oft zum Ursprungsmythos stilisierte Schlacht im Teutoburger Wald vor 2000 Jahren zurück. In der Erzählung scheinen die großen Baumgruppen als eine Art Machtelixier zu wirken, das selbst eine weit überlegene Armee wie die der Römer nicht erobern konnte. Das lenkt davon ab, dass die Legionäre in einen Hinterhalt gelockt wurden. Auch dieser populäre Mythos vom mächtigen deutschen Wald, der Feinde zurückhält, wirkt etwas übertrieben, zumal er von Nationalisten aller Couleur aufgeblasen wurde.

Tatsächlich war Mitteleuropa bis weit ins Mittelalter hinein eine überwiegend bewaldete Landschaft – undurchdringlich, unüberschaubar und gefährlich. Das dichte Dickicht bot nicht nur Räuberbanden, Raubrittern und Verbrechern aller Art Zuflucht; all das Holz könnte auch gut verwendet werden. So wurde er gnadenlos ausgebeutet, solange er als Hauptbrennstoff für alle Wirtschaftszweige unverzichtbar war. Der Kahlschlag erreichte im 19. Jahrhundert einen fatalen Höhepunkt, und man berief sich zunehmend auf die Worte des sächsischen Kurfürsten Hans Carl von Carlowitz. Kurz nach 1700 hatte er gefordert, für jeden gefällten Baum einen neuen zu pflanzen, eine Idee, die heute als Nachhaltigkeit bekannt ist. Diese Rückbesinnung auf ältere Werte löste eine parallele „Wiederaufforstung“ in der Kunst aus.

AUFFORSTUNG IN ART
Der Wald als Motiv in der Kunst war kein völlig neues Phänomen; es hatte seit der Spätantike quer durch die verschiedenen Genres grüne Triebe getrieben. Die Darstellungen reichen vom paradiesischen Baum der Erkenntnis und dem Baum von Jesse bis zu den Ranken und Blättern, die in mittelalterliche Kapitelle geschnitzt wurden. Miniaturmaler wie die Brüder Limburg malten im berühmtesten Stundenbuch des 14. Jahrhunderts, den Très Riches Heures des Herzogs von Berry, auffallend dichte Wälder. Und wenn der Betrachter nicht von der Erlösung abgelenkt wird, die vor Jan van Eycks Genter Altar stattfindet, erscheint hinter dem angebeteten Gotteslamm ein kleines Wäldchen, dazu Hecken und viel hoffnungsvolles Grün.

Etwas später, um 1500, führte Albrecht Dürer laufende Aufzeichnungen über die Landschaften, die er auf seinen Reisen durchquerte, und argumentierte im Grunde, dass die Kunst der Natur innewohnt. Man kann das noch weiter spinnen – Dürers Zeitgenossen aus der Donauschule, wie Albrecht Altdorfer, nutzten ihr Können, um Blattwerk, verwitterte Baumriesen und charaktervolle Wälder akribisch darzustellen und so die seelenvollen Landschaften Caspar David Friedrichs vorwegzunehmen.

Er ist der bekannteste Maler der Romantik, der im frühen 19. Jahrhundert die Natur und insbesondere den Wald zu einem zentralen Motiv machte. Knorrige Eichen mit widerspenstigen Ästen, einsame Tannen im Schnee und Waldlandschaften in der Abenddämmerung verewigte Friedrich auf Leinwand. In jedem dieser eindringlichen Bilder scheinen die Bäume selbst für tiefere Wahrheiten, für Seelenzustände zu stehen, aber auch auf Vergänglichkeit und Tod hinzuweisen. Die politische Ohnmacht der Deutschen während der Napoleonischen Kriege und der Restauration nagte an Frederich. In gleicher Weise zeigen seine subtil konzipierten Gemälde eine stille Feier der Schönheit und Erhabenheit der Natur mit deutlich pantheistischen Anklängen.

Auch Künstler wie Ludwig Richter entführen den Betrachter in eine harmlos heitere Waldidylle, in der die von der Zivilisation gequälte Seele Ruhe finden kann. Mensch und Natur vereinen sich im Werk von Joseph Anton Koch. Diese Idee durchzieht auch die Literatur von Schriftstellern wie Joseph von Eichendorff, der den Wald in ein zeitloses Ideal verklärt. „Da draußen, immer verraten, hetzt die geschäftige Welt. Zieh deine Zweige noch einmal um mich, du grüner Baldachin!“ er schrieb 1810 in seinem Gedicht Abschied vom Wald, das Felix Mendelssohn-Bartholdy 30 Jahre später vertonen sollte.

Im Wald ist Wahrheit, auch wenn die Märchensammler der Brüder Grimm dort kinderfressende Hexen und großmuttertötende Wölfe lauern lassen. Schließlich bietet das Zirbenholz auch Schutz vor bösen Stiefmüttern und wütenden Ehemännern. Der Begriff der Waldeinsamkeit, geprägt 1796 von Ludwig Tieck in Der Blonde Eckbert.

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